Freitag, 25. Februar 2011

Es regnet

Die Gedanken eines Anderen

ÜBERSTEIGER #102

Meine Stirn drückt gegen das kühle Fensterglas. Ich sitze in der Küche und starre auf die Straße. Von weitem sehe ich ein Auto näher kommen. Die Scheinwerferkegel sind gut zu erkennen. Das Licht spiegelt sich auf dem nassen Asphalt wider. Es regnet. Es ist einer dieser Sonntage voller Tristesse, grau und ungemütlich. Nur, dass heute alles viel schlimmer ist.

Eigentlich hatte ich diesen Sonntag ganz anders geplant, eigentlich. Jetzt sitze ich hier und die Gedanken schießen durch meinen Kopf. Mein Atem schlägt sich auf der Scheibe nieder und ich schreibe mit dem Finger die drei großen Buchstaben, die mir soviel bedeuten. Mama sagt, sie verstehe mich nicht mehr und ich sei fanatisch.

Mein Blick wandert durch unseren Vorgarten. Dort sprießen die ersten Schneeglöckchen und strotzen wacker dem Regen. Ich mag die Schneeglöckchen, weil sie Vorboten des Frühlings sind. Im Frühling gehe ich besonders gerne zum Fußball. Die Saison befindet sich in der entscheidenden Phase und das Wetter ist schön. In den vergangenen Jahren ging es meist darum, ob wir es noch in den UEFA-Cup schaffen. Letztes Jahr haben wir es nicht geschafft. Leider.

Wenn ich mit den Jungs zum Spiel fahre, dann warten wir an unserem kleinen Bahnhof auf den alten Zug mit der Diesellokomotive. Ich mag das Geräusch der Maschine und den Geruch des Diesels. Sie gehören für mich zum Fußball dazu. Wenn wir einsteigen, beschlagnahmen wir meist einen Vierersitzplatz. Die Leute neben uns stehen dann auf und setzen sich woanders hin. Ist schon ein cooles Gefühl, wenn Andere Respekt vor einem haben. Es sind nur ein paar Stationen bis zum Stadion. Naja, zumindest bis Eidelstedt. Von da muss man dann noch eine halbe Stunde zu Fuß laufen. Aber das müssen ja alle, die mit der Bahn kommen. Insofern zählt das nicht. Wenn ich es so betrachte, dann liegt unser Dorf eigentlich ziemlich zentral. Auf der Fahrt ins Stadion trinken wir dann unser Dosenbier, dass wir uns auf dem Weg zur Bahn bei Ali gekauft haben.

Ali betreibt die Dönerbude an der Hauptstraße und er ist der einzige Ausländer, den ich persönlich kenne. Wenn ich mit den Jungs bei ihm bin, dann nennen wir ihn scherzhaft Kanake. Aber Ali weiß, dass wir nur Spaß machen. Ali hat sogar einen kleinen Wimpel mit Raute in seinem Imbiss hängen. Ali ist echt okay. Kein Vergleich zu dem hinterhältigen Zigeunerpack, das sich beispielsweise auf St. Pauli rumtreibt.

Die Jungs waren gestern Abend auf dem Kiez. Da ist wohl gut was gegangen. Sie haben die Zeckenkneipe aufgemischt und konnten dabei mit 200 Mann ungehindert vom Hans-Albers-Platz bis dahin laufen. Die Bullen haben nichts gemacht. Man darf es ja eigentlich gar nicht laut sagen, aber ich finde, manche der Cops sind echt schwer in Ordnung.

Ich war nicht mit. Mir geht es nicht so gut. Außerdem hat es gestern auch schon geregnet. Diesmal ist es wirklich schlimm. Das Schrecklichste ist, dass Mama so traurig wirkt. Sie hat gesagt, sie verstehe mich nicht mehr und frage sich, was sie denn falsch gemacht habe. „Du hast gar nichts falsch gemacht“, habe ich gesagt. Stimmt ja auch, was kann Mama denn dafür? Sie wird es Papa erzählen, aber das ist eigentlich auch egal. Es weiß eh das ganze Dorf.

Damals als ich 14 war, wusste es auch das ganze Dorf. Papa hat mich mit dem Gürtel verdroschen und ich musste an vier Wochenenden Bauer Hansen auf seinem Hof helfen. Ställe ausmisten und so. Weil ich einer seiner Kühe einen Böller an den Schwanz gebunden hatte. Papa musste dann trotzdem noch eine Entschädigung zahlen. Obwohl ich beim alten Hansen geschuftet hatte. Die Kuh gab danach nämlich keine Milch mehr und musste zum Abdecker. Irgendwie tat mir das Tier sogar ein bisschen Leid. Weil sie zum Schlachthof musste und das war teilweise ja auch meine Schuld. Aber diesmal ist es schlimmer. Viel schlimmer! Was mache ich, wenn Mama und Papa mich rausschmeißen? Wo soll ich dann hin? Mir kullert eine Träne über die Wange. Ich fange sie mit meinem kleinen Finger auf und setze sie sanft auf die Fensterscheibe. Draußen perlen die Regentropfen das Glas hinunter. Hier drinnen läuft meine kleine Träne. Sie rinnt genau durch das große „S“ und macht aus ihm ein Dollar-Zeichen. H$V steht jetzt auf der Scheibe. Irgendwie verrückt.

Der Grund, warum ich heute nicht zum Fußball gehe, ist allerdings nicht der Regen. Ich kann auch nächste Woche nicht gehen. Und übernächste Woche auch nicht. Insofern ist es eigentlich ganz gut, dass wir dieses Jahr nicht im UEFA-Cup spielen. Sonst hätte ich Mittwoch auch nicht ins Stadion gehen können.

Sie haben die Bilder aus der Videoüberwachung ausgewertet. Darauf haben sie mich erkannt. Sie haben mir meine Dauerkarte weggenommen und gesagt, dass ich bis auf Weiteres bundesweites Stadionverbot hätte. Außerdem ermittelt die Polizei gegen mich. Zu allem Überfluss soll ich auch noch die Kosten für den Kampfmittelräumdienst übernehmen. In der Zeitung war ich auch. „Bombenalarm in der Arena“ haben die geschrieben. Ich bin doch nicht Obama bin Laden, oder wie der heißt. Wie gesagt, diesmal ist es wirklich schlimmer.

Als Kind habe ich oft hier gesessen und die digitale Küchenuhr mit den Klappziffern beobachtet. Die hängt schon solange neben dem Geschirrschrank, wie ich denken kann. Ich habe dann immer gewartet, bis die nächste Minute rum ist. Klack! 16:23, normalerweise hätten wir in sieben Minuten – pünktlich zum Anpfiff der zweiten Halbzeit – die Bomben gezündet. Man, dass wäre echt ‘ne fette Nummer gewesen. Mitten im Zeckenblock. Die hätten echt Augen gemacht, wenn da der dichte Qualm in schwarz, weiß und blau aufgestiegen wäre. Irgendwo über dem Stadion hätte sich der Rauch dann vermischt. Was das wohl für eine Farbe ergeben hätte? Wahrscheinlich so eine Art Taubenblau vermute ich. Haben die Chaoten nicht auch immer so eine Taube auf ihren blauen Fahnen, wenn sie auf den Demos durch die Straßen ziehen? Ist irgend so ein Friedenssymbol glaube ich. Ja, ja, für den Frieden randalieren. Mal wieder typisch. Die sind doch alle voller Widersprüche, diese langhaarigen Bombenleger.

Blaues Licht in unserer kleinen Straße. Sie kommen, um mich abzuholen. Mir ist elend zumute. Wann bloß hört endlich dieser Gott verdammte Regen auf?



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Mittwoch, 1. Dezember 2010

Eine neue Liga ist
wie ein neues Leben

ÜBERSTEIGER #101

„Eine neue Liga ist wie ein neues Leben!“ Das war einer der vielen Gassenhauer, die am 2. Mai sowohl in Fürth, als auch rund um den Kiez und überall anderswo der allgemeinen Glückseligkeit der braun-weißen Anhängerschaft Ausdruck verlieh. Die vielleicht aufregendste Saison der Vereinsgeschichte mit vielen Highlights, aber auch großen Tragödien und einigen Streitigkeiten, gipfelte im fünften Aufstieg in die Beletage des deutschen Fußballs. Dass dies alles ausgerechnet mit den großartigen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Vereinsjubiläum zusammenfiel, macht es umso schwieriger, diese Spielzeit zu übertreffen. Da ist es fast nur einen untergeordneten Gedanken wert, dass der Club finanziell so gesund dasteht, wie selten zuvor.
Neu ist aber eben nicht nur die Liga und der damit einhergehende Genuss, sich mit Mannschaften wie Schalke, Bayern oder Werder messen zu dürfen, verändert haben sich auch viele andere Dinge – sowohl im Viertel, als auch im Verein.

Was seit geraumer Zeit an struktureller Entwicklung im Stadtteil abläuft, brauche ich wohl nicht näher zu erläutern. Während alteingesessene Bewohner systematisch vertrieben werden, stehen frischsanierte Häuser leer, bloß weil sich niemand findet, der bereit ist, aberwitzige Mieten oder astronomische Wucherpreise für Eigentumswohnungen zu zahlen. Obendrein unterstützt der schwarz-grüne Senat dieses widerwärtige Gebaren, indem er die steuerliche Abschreibung leerstehender Immobilien ermöglicht.

Ein Blick auf die Haupttribüne verdeutlicht das Dilemma

Das die Gentrifizierung allerdings auch vor den Toren unseres Stadions nicht halt macht, ist mir erst kürzlich bewusst geworden. So wird sich manch Dauerkarteninhaber der Haupttribüne verwundert die Augen gerieben haben, als er feststellte, dass er zur neuen Saison bis zu 20 Prozent mehr für sein Billet ablatzen durfte, als im vergangenen Jahr. Dafür wohnt er dem Geschehen heute nur noch in der Peripherie bei. Ein Blick auf die neue Haupttribüne zum Wiederanpfiff, der zweiten Halbzeit verdeutlicht das ganze Dilemma. Schaut doch heute einfach selbst mal rüber. Da finden sich jede Menge leere Business-Seats in zentraler Lage zum lächerlichen Spottpreis von 220,- Ocken pro Spiel - zuzüglich Mehrwertsteuer versteht sich - während Fans, die teils jahrzehntelang die Kultur einer Tribüne geprägt haben, heute mit Sichtbehinderung am Rand Platz nehmen dürfen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass der Durchschnittsfan wohl niemals solche Umsätze wird generieren können. Denn trotz horrender Bierpreise von 3,50 € wäre wohl auch der trinkfesteste St. Paulianer sternhagelvoll, wollte er auch nur annähernd zum Goldesel namens Logengast oder Business-Seat Besucher mutieren.

Natürlich ist auch mir klar, dass man manchen Kompromiss eingehen muss, um dauerhaft in der obersten Spielklasse bestehen zu können. Es ist die vielzitierte Gratwanderung oder eben der Spagat zwischen Kommerz und Kultur, der gelingen muss. Allerdings empfehle ich, sich tunlichst auf eine der beiden Metaphern festzulegen, denn ein Spagat auf einem schmalen Grat führt unweigerlich zu schmerzhaften Grenzerfahrungen.

Manch einer wird es sich wohl anders vorgestellt haben, als er per rasanter Kamerafahrt durch die Katakomben und Séparées der schicken Videoanimation gebraust ist. Jetzt aber ist es, wie es ist. Mit dem grauen Betonkasten haben wir im wahrsten Sinne des Wortes einen Klotz am Bein, den wir wohl so schnell nicht wieder los werden. Hieß es vor der Saison nicht: „Wir wiederholen die Fehler von 2001 nicht, und wer das Haus gebaut hat, der darf auch einziehen“? Gilt so eine Aussage eigentlich nur für die Spieler oder auch für die Fans?

Wo liegt der Unterschied zwischen beiden Tribünen? Richtig!
Die eine ist ganz leer, dafür ist die andere ganz leise.
Foto oben: Antje Frohmüller
Foto unten: Stefan Groenfeld

Dass es auch anders mit der neuen Haupttribüne hätte funktionieren können, zeigt das Modell „Südkurve“. Wo oben teure Business-Plätze und Logen reichlich Kohle in die Kassen spülen, werden unten 3.000 Stehplätze von USP und dem Fanladen selbst verwaltet. Während sich die aktiven Fans einen selbstbestimmten Raum geschaffen haben, liefern sie gleichzeitig mit ihren aufwendigen Choreos und der frenetische Anfeuerung eine tolle Attraktion für die Prominenten aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Natürlich birgt das Experiment der selbstverwalteten Kurve auch diverse Risiken. Wenn die Fans auf einmal ihre ureigenen Interessen in Gefahr sehen, kann es wie in der letzten Spielzeit bei der Partie gegen Rostock vorkommen, dass eine Protestaktion die Annehmlichkeiten der zahlungskräftigen Klientel beeinträchtigt. Gott sei Dank war die Vereinsführung schlau genug, von eventuellen Repressionen abzusehen, die bis hin zur Idee des Entzugs der Selbstbestimmungsrechte reichten. Schließlich hätte man mittelfristig das Millerntor um seine eigentliche Sensation beraubt. Welchen Grund gäbe es für die zahlungskräftigen Gäste dann noch, in diesem herrlich verrückten Stadion ihren Erlebnishunger zu stillen?

Das charakteristische Merkmal war stets die Buntheit

Gefahr ist dennoch in Verzug. Denn neben der wachsenden Kommerzialisierung, die ihr spezielles Publikum anzieht, hat sich in jüngster Vergangenheit noch eine andere Gruppierung etabliert. Verstärkt kommt es im Umfeld des FC St. Pauli zu handfesten Auseinandersetzungen. Damit mich niemand falsch versteht, eine mehr oder minder große Hooliganszene hat es auch bei uns zu fast allen Zeiten gegeben. Der signifikante Unterschied zu unseren Nachbarn aus Stellingen bestand jedoch immer darin, dass sie bei uns niemals die Rückendeckung der Fanszene erfuhr und daher stets im Verborgenen agierte. Mit der „Reisegruppe Kiez“ kristallisiert sich jetzt allerdings eine Gruppierung heraus, die zunehmend offen auftritt.

Dies ist neben dem fortwährenden Ausverkauf das zentrale Thema und die größte Veränderung des letzten Jahres. Es wird unserer Fanszene kaum etwas übrig bleiben, sich besser jetzt als gleich kontrovers mit der Frage auseinanderzusetzten, wie diesem Phänomen zu begegnen ist. Da ist dann mal wieder ein wenig Einfallsreichtum gefragt, denn wohl nicht nur mir gehen dieses prollige Mackertum und das damit einhergehende affige Territorialgehabe mächtig auf die Eier.

Stattdessen wird aber lieber ein Uralt-Thema aufgewärmt und zum x-ten Mal diskutiert, wie denn nun der richtige Support auszusehen hat. Klar, geht es gar nicht, wenn manche Leute anderthalb Stunden über die Nichtigkeiten ihres Alltags schwadronieren und das Spiel nur als schmückendes Beiwerk verstehen. Aber müssen wir deshalb schon wieder diskutieren, wer hier wen niedersingt oder ob die Anfeuerung spielbezogener sein muss? Müssen wir uns Begeisterung abringen, wenn auf dem Rasen der dreiundzwanzigste Pass in die Tiefe am Fuß eines Gegners hängenbleibt? Muss der Funke vom Spielfeld auf das Publikum überspringen oder umgekehrt? Müssen wir uns über Verunglimpfungen und Schmähgesänge echauffieren und gleichzeitig den englischen Stil propagieren, der übrigens zum Großteil aus Schmähungen besteht, während andere lieber italienischen Mustern folgen wollen?

Tante Heike und der Vorstandsvorsitzende
der Stadtsparkasse Werne - Herrlich verrückt!
Foto: Psycho Heiko
Ehrlich gesagt, frage ich mich, wozu wir überhaupt irgendwelchen Vorbildern nacheifern müssen. Das was unsere Fanszene in den letzten Jahrzehnten so unverwechselbar und weit über die Grenzen Europas hinaus bekannt gemacht hat, war stets ihre Kreativität, Ironie und Vielfalt und eben nicht stumpfe Poserei, Engstirnigkeit und langweiliger Einheitsbrei. Vielschichtigkeit bedeutet aber indes auch, dass es Leute gibt, die anders drauf sind, als man selbst und da ist dann eben auch mal Gleichmut gefragt. Nur mit diesem Geist war es in der Vergangenheit möglich, all die großen Erfolge zur Wahrung unserer Interessen zu erreichen. Welche andere Fanszene kann schon von sich behaupten, ihre Grundwerte in der Stadionordnung manifestiert zu wissen? Nur Buntheit und Toleranz sind es, die den Mythos am Leben erhalten können.

Das Dasein in der neuen Liga soll ein angenehmes sein, das ich möglichst lange genießen möchte, um weiterhin stolz behaupten zu können: „Das ist mein St. Pauli!“ Und ja, ich habe ihn tatsächlich getroffen: den Punker neben dem Banker!



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Samstag, 11. September 2010

Der Übersteiger präsentiert in seiner JUBILÄUMSAUSGABE #100




Nicht zuletzt der Poll aus dem vergangenen Jahr hat gezeigt: Ein nicht mehr zu vernachlässigendes Segment der Leserschaft des Übersteigers ist männlich und hat bereits ein Alter erreicht, welches gemeinhin als das Beste bezeichnet wird. Da kann man hin und her diskutieren, die Jugend erreicht das weltbeste Fanzine kaum noch. Davor will und kann auch ich meine Augen nicht verschließen. Wieso also sollen wir wilde Konzerte rezensieren oder den Support im Gästeblock bei der letzten Auswärtstour abfeiern, wenn den durchschnittlichen Leser zunehmend ganz andere Themen beschäftigen?
Deshalb wage ich es diesmal, an einem Tabu zu kratzen. Es geht um ein Leiden, dass viele von uns betrifft, über das aber allenfalls im Verborgenen gesprochen wird. Es geht um das schleichende Einsetzten der Inkontinenz! Wer nun behauptet diese Angelegenheit beträfe ihn nicht, und er hätte noch reichlich Atü auf dem Schlauch, der wird dieser Illusion spätestens dann beraubt, wenn er an einem heißen Sommertag nach dem Urinieren resigniert die Herkunft des gesprenkelten Musters auf seinen staubigen Schuhen eingesteht.

Aber auch in eurem unmittelbaren Umfeld steht der Hahn viel öfter offen, als ihr es für möglich haltet.

Jedenfalls habe ich mich schon des Häufigeren gefragt, wieso der Typ neben mir im Stadion, der sich immer so aufreizend lustig über meine Konfirmandenblase macht, literweise Bier in sich hineinschüttet, ohne ein einziges Mal seinen Platz zu verlassen. Ich sag es euch: Weil er Hi-Tech Windeln der neuesten Generation trägt, die ihm während eines Ligaspiels problemlos ein drei- oder viermaliges Wasserlassen erlauben. Geht es dann aber in einem Pokalspiel mal in die Verlängerung, dann raune ich meinem zunehmend nervöser werdenden Nachbarn mit einem Augenzwinkern zu: „Jetzt wird’s spannend!“

Oder aber was ist mit dem Kerl, der sich mit der vorgeschobenen Ausrede, unter einer situativen Harnsperre zu leiden, auf dem Kneipenklo einschließt, anstatt bei einem beschwingten Plausch dem Gemeinschaftserlebnis am Urinal zu frönen?

Nun mag manch einer der Auffassung sein, dies seien nichts als verschrobene Hypothesen, die jeglicher Grundlage entbehren. Na dann lest doch mal, was mein werter Redaktionskollege Wilko, zu berichten weiß.

Eine Woche Sanitärsurfing

Ob es jetzt einfach ein blöder Zufall oder, wie Olli behauptet, tatsächlich Karma ist, dass ich - meiner lieben Mama sei Dank - im zarten Alter von 18 Monaten bereits als Proband für Babywindeln herhalten musste, sei an dieser Stelle mal außen vor gelassen. Eigentlich hätte ich über diese Episode meines Lebens als Testscheißer für Pampers sowieso lieber den Mantel des Schweigens gehüllt. Aber Holstenbomben in nicht geringer Menge und mein loses Mundwerk verhalfen diesem Familiengeheimnis schließlich doch zu seiner Enthüllung.

Zur Sache: Neulich bat mich ein guter Bekannter, ihm beim Aufbau einer Preisvergleich-Seite für Erwachsenen-Windeln im Internet zu attestieren. Oooooooookay, dachte ich mir, klingt verdächtig nach einer Aufgabe, die jetzt ersteinmal nicht so spannend erscheint. Weil jedoch die letzten Besuche in vereinsnahen Etablissements ein kleines Löchlein in meinen Geldbeutel gerissen hatten (dummerweise ein windelloses), stimmte ich schließlich zu. Kann ja so schlimm nicht sein.

Was dann folgte, war eine Woche Sanitärsurfing im Internet. Vorab stand die Recherche. Wer verkauft das eigentlich? Und an wen? Was sind die Topseller, was die( Abfluss-)Rohrkrepierer?


Wilko surft auf der Windel-Welle
Unbestriten ist anscheinend, dass der Markt für Inkontinenzprodukte ein wachsender ist. Die Gesellschaft altert. Da ist der FC St. Pauli ja keine Ausnahme. Beispiel Gegengerade. Nicht erst seit der letzten Saison fällt mir auf, dass die Abziehhähne auf den Toiletten die Bierzapfhähne quantitativ absolut in den Schatten stellen (Anm. Olli: Solange es nur quantitativ ist, ist ja noch alles in Butter). Was mich dann zu einer interessanten Überlegung führt: Wo gemeinhin diskutiert wird, ob denn nun der Roar auf der Gegengeraden oder der Südtribüne der bessere sei, frage ich, wer wohl den höheren prozentualen Anteil der Windelträger beherbergt? Süd (weil jung) oder Gegengerade (weil alt)?

Aber ob jung, ob alt, sie alle kaufen, so lernte ich, zu einem überwiegenden Anteil bei der Firma „Svenska Cellulosa Aktiebolaget“ (SCA) aus Schweden, dem Giganten in Fragen Körperausscheidungen, und zwar jeglicher Couleur. Nicht nur die Marke „TENA“ firmiert unter dem Dach von SCA, nein, auch das gute alte „Tempo“-Taschentuch und ebenfalls das graue, raue, von allen außer Hippies verabscheute „Danke“ wird von Stockholm aus vermarktet.

Weil wir hier aber ein Fußballmagazin sind, darf die mir bis neulich völlig unbekannte Babywindelmarke „Libero“, selbstredend auch SCA, auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben.

Weiterhin lernte ich: Erwachsenen-Windeln werden hauptsächlich im Internet gekauft. Dabei scheint die Käufergruppe ausgesprochen Markenloyal zu sein. Aber sei´s drum. Ich war ja nicht im Auftrage der Windelindustrie unterwegs wie einst in Kleinkindjahren, sondern ich wollte das preisgünstigste Modell finden. Einigermaßen erfreut war ich dann, als ich nach den ersten Recherchen feststellen durfte, dass die Produktbilder ausnahmslos ohne echte menschliche Modelle auskamen. Nicht, dass ich ausgesprochen feindselig gegenüber der älteren Generation wäre, aber Detailaufnahmen von krampfaderdurchzogenen Schlabberschenkeln in weißen Plastikunterbüchsen… aber lassen wir das, ihr wisst schon, was ich meine.

Dann ging es los, Shop um Shop, Windel um Windel. Stundenlang. Tagelang. Ich bin, das kann ich guten Gewissens vermelden, jetzt Experte in Sachen Windeln. Alle Marken, alle Größen, alle Stärken – nichts ist mir fremd. Nebenbei erfuhr ich durch mehr oder minder produktives herum Klicken einiges Wissenswertes.

In Europa, Afrika und dem Nahen Osten werden jährlich insgesamt mehr als fünf Milliarden (!) Windeln verkauft (ermittelt vom Ausschuss der Hersteller von absorbierenden Hygieneprodukten).

Diese stellen für Müllheizkraftwerke ein energiereiches Schmankerl dar. Sie sind nebenbei bemerkt so energiereich, dass in diesem Jahr das erste reine Windelkraftwerk in Deutschland eröffnete.

Und dann gibt es offensichtlich noch jede Menge Menschen, die den Windel-Fetisch nutzen, um ihrem prüden Sexualleben einen neuen, aufregenden Anstrich bzw. Abstrich zu verpassen.

Heiß! - Heiß! - Heiß!

Die technische Lösung für den Super-GAU

Da brauche ich wohl nicht explizit zu erwähnen, dass die Herrschaften vom Übersteiger Tränen lachten, als Wilko diese Geschichte zum Besten gab. Bloß einer verstummte abrupt und saß plötzlich mit versteinerter Miene da. Wer da nun aber beim „sich vor Lachen nicht mehr halten können“, nicht mehr anhalten konnte, bleibt natürlich ein Interna.

Doch spätestens jetzt wird das Ausmaß dieser fiesen Volkskrankheit klar. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, man könne mit dem regelmäßigen Anspannen und Lösen des Schließmuskels - ähnlich dem Beckenbodentraining der Frauen nach einer Schwangerschaft - der Inkontinenz entgegenwirken. Wer aber meint, diese Übung würde ihn wieder auf das Level eines Achtjährigen zurückkatapultieren, der locker eine Parabel zustande bringt, deren Maximum jenseits der eigenen Scheitelhöhe liegt, der glaubt auch, dass der Bauchweggürtel aus dem Home-Shopping Kanal, den man beim Biertrinken während der Sportschau umschnallt, ihm binnen zwei Wochen die Figur des Gouverneurs von Kalifornien beschert.

Es bleibt also festzuhalten, dass ein kleines Bisschen Beharrlichkeit hilft, den entsprechenden Muskel wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Nur übertreiben sollte man es nicht. Ganz schlimm wird es jedoch, wenn man quasi gezwungenermaßen den Ventilmuskel bis an die Grenze der Strapazierfähigkeit belasten muss. Ich möchte da nur mal an den unmenschlichen Druck erinnern, der auf einer mehrstündigen Auswärtsfahrt im Bus entsteht, weil irgendein Ochse vor der Abfahrt Abführmittel eingeworfen hat und bereits nach einer halben Stunde der Lokus flächendeckend zugeschissen ist.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Super-GAU gewonnen!“

Wie mich aber erneut Wilko, mein Experte für alle Fragen der innovativen Blasenentleerung, belehrte, hält die Industrie auch für dieses Problem bereits eine technische Lösung parat.

Natürlich gibt es da eine industrielle Lösung. „Urinbeutel“ ist das richtige Google-Schlagwort. Gemeint sind dabei nicht jene, die in Krankenhäusern verwendet werden und die viele unserer männlichen Leser an den gefühlte Ewigkeiten zurückliegenden Kriegsersatzdienst erinnern dürften, sondern jene Produkte, wie beispielsweise das Modell mit dem schillernden Namen „Johnny Wee“. Wie von Geisterhand verwandelt sich in solchen Beuteln das oben eingefüllte Pipi - Zack! - in ein geruchsloses Gel. „Polymerkristall“ heißt der Zauberstoff.

Wie der gefüllte Beutel, der auf einer Bustour wohl kniend und halb unter der Sitzfläche des Vordermannes oder der Vorderfrau zur sachgerechten Anwendung gelangt, denn nun abschließend entsorgt wird, hängt dann wohl wieder vom Alter und Temperament des Anwenders ab. Entweder steckt man ihn dezent in die Jackentasche und lässt ihn unauffällig auf der nächsten Raststätte verschwinden, oder man schmeißt ihn während der Fahrt auf der Autobahn aus dem Dach und hofft, dass er den Spinnern im tiefer gelegten Golf mit dem geistreichen Spruch auf der abgedunkelten Heckscheibe „Hasta la vista, Antifascista!“ (so gesehen in Halle/Saale) geradewegs die Windschutzscheibe durchschlägt.


Danke Wilko, Du und der neue Heiland Johnny Wee, habt mich von einem großen Trauma befreit. Wer hätte das gedacht? So, ich muss jetzt mal dringend austreten. Sollte es mir nicht aus irgendeinem bedauerlichen Grunde entfallen, dann diskutiere ich im nächsten Heft das Für und Wider von Billigarznei aus dem Internet gegen Altersdemenz.

P.S.: Gerüchten zufolge soll auch schon manch Prominente dem neuen Trend folgen…
(ok, die Quelle ist alles andere, als vertrauenswürdig)



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Die AstraLiker

ÜBERSTEIGER #100

Mittlerweile ist es über 20 Jahre her, dass eine kleine Gruppe notorischer Bier- und Fußballliebhaber hinter dem Tor der Nordtribüne, als diese noch „die“ Fankurve war, erste Pläne schmiedete, einen eigenen Fanclub ins Leben zu rufen.
Da diese kleine Fraktion aber ebenso lethargisch wie unentschlossen war, passierte zunächst gar nichts. Als dann aber, pünktlich zum 100jährigen Vereinsjubiläum, der fünfte Aufstieg in die Bundesliga feststand, stellte sich der gegenwärtige Pressesprecher die Frage: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ So fasste er sich kurzerhand ein Herz und streute im erweiterten Bekanntenkreis, die Idee, endlich mal Nägel mit Köpfen zu machen. Auch wenn es aus unterschiedlichen Gründen einige Absagen hagelte, fanden sich schlussendlich fünf Frauen, aus denen sich heute übrigens die weibliche Doppelspitze rekrutiert, und 13 Männer zusammen, die aus verschiedensten Motiven heraus das Abenteuer Fanclubgründung angehen wollten. Zwar erfüllen leider auch wir das sich hartnäckig haltende Klischee nicht, dass am Millerntor der Banker neben dem Punker steht, an Vielschichtigkeit mangelt es uns dennoch nicht. So zählen zu unseren Mitgliedern ebenso erfolgreiche Unternehmer wie elende Sozialschmarotzer, erfahrene Ärzte wie chronische Patienten, fachkundige Fußballtrainer wie neunmalkluge Besserwisser, schwere Alkoholiker wie überzeugte Vegetarier, dilettantische Querulanten wie querulantische Dilettanten, brillante Rhetoriker wie beflissene Erbsenzähler, berühmte Schauspieler wie erfolglose Musiker, ökologische Bauern wie verwöhnte Großstadtkinder, leidenschaftliche Piloten wie enthusiastische Jogger, angemachte Blondinen wie ausgemachte Sozialquatscher, klasse Lehrer wie tranige Erzieher, retardierte Schweizer wie schroffe Schotten. Und einer von uns trägt sogar Windeln für Erwachsene – zumindest rein statistisch gesehen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Diese unendliche Vielschichtigkeit gepaart mit üppigen Gemeinsamkeiten sollte sich dann auch entscheidend in der Namensgebung widerspiegeln. So ist der gemeine AstraLiker ebenso abhängig vom Gebräu aus der Knolle, wie der Alkoholiker vom Alkohol. Deutet man es etwas freundlicher, so mag er einfach nur den legendären Gerstensaft aus dem Herzen der hanseatischen Metropole. Darüberhinaus verfügt er über ein gesundes Maß an Astralenergie, um gegebenenfalls Schiedsrichter und Gegner mittels Telepathie oder zumindest offener Antipathie zu beeinflussen. Natürlich besitzt jeder AstraLiker auch einen entsprechenden Astralkörper, der, nicht zu verwechseln mit dem Adonis-Körper, ein Begriff zur Bezeichnung einer unsichtbaren, wolkenartigen Hülle ist, die nach manchen religiösen und okkulten Lehren den Menschen beziehungsweise dessen Seele umgibt und den Tod des materiellen Körpers überdauert. Dieses Faktum lässt dann auch die Interpretation des Namens als rein angelsächsischen Imperativ, null und nichtig erscheinen: „Die AstraLiker!“ („Stirb, Astra-Liebhaber“)



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Samstag, 8. Mai 2010

Licht und Schatten

Ein Saisonrückblick abseits des Fußballs

ÜBERSTEIGER #99

Mit dem Heimspiel gegen den SC Paderborn 07 steht die letzte Partie einer turbulenten und aufregenden Saison auf dem Plan. Ob wir nun noch in der Relegation nachsitzen müssen oder der Aufstieg ins Oberhaus bereits heute um 16:45 Uhr dingfest ist, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe leider noch nicht fest.

Blicken wir auf das Sportliche zurück, haben wir uns insbesondere in der Hinrunde über die spielerische Leichtigkeit der braun-weißen Equipe die Augen gerieben, mit der die Gegner mühelos vom Platz gefegt wurden. Wir haben gelitten, als zwischen dem 22. und 25. Spieltag keines von vier aufeinanderfolgenden Spielen gewonnen werden konnte und uns sämtliche Felle davon zu schwimmen drohten.

Aber auch abseits des Feldes passierte in dieser Spielzeit soviel, wie selten zuvor. Manches berührte uns nachhaltig, anderes trieb uns die Zornesröte ins Gesicht. Einiges erfüllte uns mit Stolz, mancherlei stimmte nachdenklich.

Juli 2009

Schon bevor der erste Ball getreten ist, regt sich der erste Unmut über die neuen Anstoßzeiten. Als ob es nicht schon genug wäre, dass unsere Profis am Sonnabend und Sonntag ihre Spiele zu einem Zeitpunkt bestreiten müssen, an dem die meisten Menschen ihr Mittagessen zu sich nehmen, setzen DFL und NOFV die Partien unserer Amateure möglichst zeitgleich an. Sage und schreibe 13-mal müssen Profis und Amateure in dieser Saison am selben Tag, teilweise sogar zur selben Uhrzeit, ihre Spiele austragen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt oder gar die Erklärung der Verantwortlichen beider Verbände in Frage stellt, dies geschehe rein zufällig.

Nachdem es im Rahmen des Schanzenfestes zu einem brutalen Polizeiangriff auf das Jolly Roger gekommen ist, bei dem der Journalist und St. Pauli Fan Hossa durch einen gezielten Knüppelhieb vier Zähne einbüßt, beteiligen sich nach dem Testspiel gegen Heart of Midlothian mehr als 2.000 Menschen an einer Demo gegen Polizeigewalt und Repression. Unter den Demonstranten befinden sich auch gut 100 HSVer. Danke für die Solidarität!

August 2009

Am zweiten Spieltag überrennt die Mannschaft in ihrem ersten Auswärtsspiel die Alemannia aus Aachen und verdirbt den Hausherren gründlich die Einweihung ihres neuen Fußballtempels. Bei den anschließenden Feierlichkeiten auf den Rängen geschieht dann das Unfassbare. Mini, ein Mitglied des Fan-Clubs „Kleine Mexikaner“, stürzt von einer Balustrade sechs Meter in die Tiefe. Das erste Entsetzen über das Geschehene schlägt alsbald in pure Wut um. Verschiedene „Zeitungen“ veröffentlichen das Bild des leblosen Körpers in ihren Print- und Onlineausgaben. Perverse Sensationsgeilheit und die verabscheuungswürdige Hatz nach einer hohen Auflage machen es möglich. Skrupel und Pietät sind für diese „Journalisten“ Fremdworte.

September 2009

Im Vorfeld des Spiels in der zweiten Pokalrunde gegen Werder stehen viele Fans bis zu sechs Stunden vor dem Ticketcenter an, um Karten für das Match zu ergattern. Beim Spiel selbst eskaliert ein Streit im Gästeblock während der Halbzeitpause. Aus nebulösen Umständen bekommen sich zwei St. Paulianer in die Wolle. Als einige Umherstehende schlichten wollen, beginnen andere auf einmal damit, mitzukloppen. Überforderte Ordner stürmen in den Block und versuchen erfolglos, der Lage Herr zu werden. Das Blatt wendet sich. Auf einmal heißt es: Alle auf die Ordner! Wer jetzt noch schlichten will, wird auf das Übelste bepöbelt. Team Green betritt die Szene und setzt Pfeffer und Knüppel gegen jeden ein, der nicht zügig Land gewinnt. Leute aus allen Teilen des Blocks greifen nun die Bullen an. Klar will niemand die Polizei im Block haben. Dass es aber nicht gelingt, zwei Idioten zur Räson zu bringen und stattdessen ein kleiner Streit zu einer Blockrandale mit mehreren Verletzten ausufert, ist schlichtweg ein Armutszeugnis für unsere Fanszene.

Oktober 2009

Beim Heimspiel der Profis gegen Energie Cottbus ist es mal wieder soweit. Der NOFV hat das Derby der Amateure im Volkspark rein zufällig zeitgleich angesetzt, so dass viele Fans vor die Frage gestellt werden, welchem Spiel sie beiwohnen wollen. Als diejenigen, die sich für die Partie am Stadtrand entschieden haben, nach der 0:4 Klatsche auf dem Weg zurück ins Jolly Roger sind, skandieren sie aus einer Laune heraus: „Warum seid ihr Wessis so hässlich?“ oder „Energie, Energie!“. Beinahe führt der „Gag“ ins Desaster. Benachbarte Anwohner werfen Blumentöpfe und Ziegelsteine aus den Fenstern, vor der Kneipe versucht sich in Windeseile ein Mob zur Verteidigung zu formatieren, andere rennen in Panik auf die befahrene Straße. Zum Glück geht letztendlich alles glimpflich aus. Trotzdem, dieser Spaß ging unter die Gürtellinie.

November 2009

Bereits am 2. November steht das lang erwartete Auswärtsspiel bei Hansa Rostock an. Nachdem es der Staatsmacht unter der Vermeidung jeglicher Eskalation gelingt, die beiden Fangruppen bei der Anreise auseinanderzuhalten, kommt es während der Partie von unserer Seite aus zu Böllerwürfen in den Block der Suptras. Dabei wird eine Ordnerin verletzt. Im Gegensatz zu den Ereignissen in Bremen gelingt diesmal jedoch die Selbstregulierung, so dass die Polizei unseren Block nicht betreten muss. Eine Zuspitzung der Situation wird dadurch vermieden. Richtig auf die Palme bringt den Hansa-Mob anschließend allerdings Deniz Nakis viel diskutierte Halsabschneidergeste. Nach dem Schlusspfiff wütet der braune Pöbel vor dem Stadion und die feiernden St. Paulianer können die Heimreise erst mit einer einstündigen Verspätung antreten. Beim darauffolgenden Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf kommt es zu überwältigenden Solidaritätsbekundungen für Naki.

Groß war anschließend die Vorfreude auf das Gastspiel der Celts in der Europa Liga im Volkspark. Neben der sportlichen Enttäuschung - nach dem trostlosen 0:0 sind die Bhoys sang- und klanglos ausgeschieden - steht einmal mehr die Erkenntnis, dass die Schotten ihre Shanties in den Kneipen und Bars deutlich eindrucksvoller zum Besten geben, als in der Kurve eines Stadions.

Ebenfalls in diesem Monat beginnt der Abriss der Haupttribüne. Für 5,-€ pro laufenden Meter Sitzbank beziehungsweise 19,10€ für eine Sitzschale ist jeder herzlich eingeladen, sich sein persönliches Andenken an die gute, alte Zeit zu sichern.


Im Sog des Fall Enkes outet sich St. Paulis Profi Andreas Biermann ebenfalls unter Depressionen zu leiden und offenbart einen Suizidversuch. Biermann unterzieht sich einer stationären Therapie und ist sechs Wochen später wieder im Mannschaftstraining. Dass damit die tückische Krankheit noch lange nicht besiegt ist, sollte jedem klar sein. Deshalb gibt es von dieser Stelle die besten Genesungswünsche und viel Kraft auf dem Weg nach vorn.

Dezember 2009

Zum zweiten Mal schießt der FC St. Pauli in dieser Saison auswärts fünf Tore und zum zweiten Mal geschieht das Unbegreifliche. In Koblenz stürzt St. Pauli Fan Yobov bei dem Versuch einen Zaun vom Stehplatzbereich auf die Sitztribüne zu überwinden mehrere Meter in die Tiefe. Yobov wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Unabhängig von der Leichtsinnigkeit mancher Zuschauer stellt sich die Frage, wieso sich solche Tragödien nicht durch konstruktive Maßnahmen beim Stadionbau verhindern lassen.

Beim Amateurausscheidungsturnier zum Schweinske-Cup kommt es zu Provokationen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und Altona 93. Beim Neunmeterschießen um Platz 3 gerät die Lage außer Kontrolle und es kommt zu einem handfesten Scharmützel. Nicht nur, weil dabei St. Pauli Urgestein Guntram Uhlig einen Herzkasper erleidet und fast den Löffel abgibt, ist dieses Mackertum und Territorialgehabe überflüssig wie ein Kropf.

Ansonsten lässt uns der zweite Tabellenplatz der Profis ein entspanntes Weihnachtfest feiern und zuversichtlich in das neue Jahr blicken.

Januar 2010

Gleich am ersten Sonntag des noch jungen Jahres geschieht Historisches. Der FC St. Pauli gewinnt die beiden Hallenturniere in Hamburg und Frankfurt und heimst an nur einem Tag zwei Titel ein. Die Vorfälle beim Amateurturnier führen allerdings dazu, dass die Exekutive beim Turnier in Alsterdorf in unerwarteter Stärke präsent ist. Sowohl auf dem Weg zur Halle, als auch in der selbigen kommt es zu unverhältnismäßigen Repressalien und Übergriffen seitens der Polizei.

Anlässlich der Vorfälle in Bremen, Rostock und Alsterdorf entfacht innerhalb der Fanszene eine heftige Diskussion über den Umgang mit Gewalt. Aus diesem Grunde lädt der Fanladen zur Podiumsdiskussion in den Ballsaal der Südtribüne. In einer kontroversen aber stets respektvoll geführten Debatte werden potenzielle Lösungsansätze erörtert. Was neben der konkreten Idee des Fanclub Sprecherrates, Ansprechpartner in den Blöcken zu etablieren, in Zukunft noch auf den Weg gebracht wird, bleibt abzuwarten.

Aufgrund der in dieser Saison bisher ungewohnt lethargischen Leistungen in den ersten Partien des Jahres bürgert es sich ein, die Mannschaft durch „Aufwachen, aufwachen!“ Rufe wachzurütteln. Völlig unerwartet macht Stani seinem Unmut über diese Art der Aufmunterung in einer Brandrede Luft. Das Ganze ist schwer nachzuvollziehen. Wenn es spielerisch hapert, dann erwarte ich wenigstens alte Tugenden wie erbitterten Kampf und unbändigen Siegeswillen.

Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz findet auf dem Südkurvenvorplatz eine Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus statt. Die an sich lobenswerte Veranstaltung wird überschattet von einer kaum zu überbietenden Peinlichkeit. Beim abschließenden Beisammensein im Clubheim wird Justus vom Fanladen von den Betreibern genötigt, die anwesenden Gäste aufzufordern, doch bitte nicht nur den vom Präsidium gesponserten Kaffee und Kuchen zu verzehren, sondern auch andere Getränke. Andernfalls werde eine Servicegebühr fällig. Wie arm - geistig wie finanziell - muss man eigentlich sein?

Februar 2010

Pünktlich zum Rückspiel gegen Aachen wendet sich der im Hinspiel verunglückte Mini in einer emotionalen Rede an die Zuschauer. Vermutlich will er noch mehr Leuten Dank zollen, als den St. Paulianer und Aachener Fans, dem Vereinsarzt und dem Krankenhaus. Als ihm jedoch vor Rührung die Stimme versagt, begleitet ihn das gesamte Stadion mit einem einstimmigen „You’ll never walk alone“ auf die Stadionrunde. Vielleicht der bewegendste Moment der Saison!


Das Miniaturwunderland in der Speicherstadt eröffnet eine Ebay-Auktion zu Gunsten der Erdbebenopfer auf Haiti. Versteigert wird ein Berg im Harz. Den Zuschlag erhält das St. Pauli-Forum. Die User spenden ansehnliche 7.258,80€. Dafür prangt künftig das Logo des Forums auf dem „Mount Saint Pauli“. Eine Aktion, die stolz macht.

Infolge der Selbstverwaltung der Südtribüne durch USP und den Fanladen gibt es für den Stehplatzbereich kein Vorkaufsrecht auf Dauerkarten. Um die Legitimation für den Erwerb eines Saisontickets zu erhalten, benötigt man im Vorwege einen Berechtigungsschein aus dem Fanladen. Wegen des aktuellen sportlichen Erfolges und der Aussicht auf den Aufstieg, ist schnell klar, dass das vor zwei Jahren eingeführte System diesmal nicht alle Interessenten befriedigen wird. So kommt es in den Schlangen vor dem Clubheim zu tumultartigen Szenen. Es wird gedrängelt und geschubst und viele der seid mehreren Stunden Anstehenden gehen mit leeren Händen nach Hause. Umgehend wird sich auf die Organisatoren eingeschossen und die Unmutsäußerungen verlassen schnell die sachliche Ebene. Aber das ist nun mal das Risiko, wenn man in einer selbstverwalteten Kurve stehen möchte. Wenn jeder sich selbst der Nächste ist, dann ist das basisdemokratische Konzept flugs hinfällig.

März 2010

Corny Littmann beißt auf Granit, als er bei der DFL den Antrag stellt, beim Heimspiel gegen Rostock sämtliche Gästefans auszuschließen. Dieses Ansinnen ist selbst der DFL zu heiß, denn schließlich will man sich nicht zum Feindbild sämtlicher Fußballfans in ganz Deutschland machen. Anschließend kommt es zu einem Treffen zwischen den Präsidien und den Fanvertretern beider Vereine. Dabei schlägt die Rostocker Seite unter anderem vor, das Gästekontingent von 1.900 auf 1.400 personalisierte Karten zu reduzieren und eine geschlossene An- und Abreise zu garantieren. Der Vorschlag wird von allen beteiligten Seiten für akzeptabel befunden und anschließend der Polizei vorgetragen, von dieser jedoch abgelehnt. Statt nun aber auf den verabredeten Konsens zu beharren, lässt sich unser allseits beliebter Fanpräsident auf ein Kontingent von schlappen 500 Gästekarten runterhandeln und verkauft diesen faulen und vor allem nicht abgestimmten Kompromiss als einvernehmliche Lösung zur bestmöglichen Wahrung der Interessen und Rechte der Fans. In einem weiteren Treffen mit Vertretern der aktiven Fanszene lehnt das Präsidium eine Distanzierung zur polizeilichen Verfügung ab. Die Fans beschließen, dass Protestaktionen nun unausweichlich sind. Auch Rostock entscheidet, aus Protest gegen das Gebaren keine Karten in den Verkauf zu geben Der Gästeblock bleibt leer.


Auf St. Pauli Seite wird rege über etwaige Aktionen diskutiert. Der Protest soll eine möglichst große Medienpräsenz erreichen, auf der anderen Seite aber der Mannschaft in der sportlich brisanten Situation nicht schaden. Der Übersteiger erscheint mit einer Sonderausgabe und unterstützt neben vielen anderen Unterzeichnern einen Boykott der Stehplätze auf der Südtribüne für die ersten fünf Spielminuten. Um das Ziel einer größtmöglichen Öffentlichkeit zu erreichen, werden vor dem Anpfiff sämtliche Zugänge zur Tribüne blockiert und die Unwissenden bestmöglich informiert. Trotzdem kommt es zu Auflehnungen gegen die Blockierer. Einige Karteninhaber beharren auf ihr Recht, die Tribüne betreten zu dürfen. In der unübersichtlichen Situation kommt es zum Gedränge und sogar zu Handgreiflichkeiten. Schnell stehen Schlagworte wie „Nötigung“ und „Freiheitsberaubung“ im Raum. Die organisierten Fans werden mit üblen rassistischen, sexistischen und homophoben Beschimpfungen überschüttet. Wenn schon bei einigen Leuten der gesunde Menschenverstand nicht genug hergibt, um zu begreifen, dass Vokabeln wie „Neger“, „Fotze“ oder „Schwuchtel“ in unserem Stadion oder sonstwo völlig fehl am Platze sind, dann lässt sich dies zumindest in der Stadionordnung nachlesen. In den folgenden Tagen gibt nahezu jeder seine mehr oder minder qualifizierte Meinung auf allen erdenklichen Plattformen zum Besten. Allein den entsprechenden Thread im Forum füllen sagenhafte 165 Seiten. Als Konsequenz aus den Vorfällen entzieht Littmann den Ultras die Rechte zur Selbstverwaltung der Kurve. Das Projekt „Ab in den Süden“, gemeinschaftlich initiiert vom Verein, dem Fanladen und USP, wird damit de facto zu Grabe getragen. Ein fader Beigeschmack bleibt. Denn es wird nicht deutlich, was das friedliche Mittel des passiven Widerstandes zur Durchführung einer effizienten Protestaktion konkret mit dem basisdemokratischen Selbstverwaltungskonzept der Kurve zu tun hat.

April 2010

Beim diesjährigen Hanse-Marathon gehen 17 Läufer, unter ihnen ÜS-Redakteur Frodo, für die Projekte „Fanräume“ und „Viva con Agua“ an den Start. Unter dem Motto „Unsere Projekte sind kein Sprint“ sind Sponsoren und Privatpersonen aufgerufen, einen festen Betrag für jeden absolvierten Kilometer zu spenden. Die Erlöse von über 9.000€ kommen den beiden Projekten zu Gute.

Mai 2010

Für den Fall, dass wider jede Hoffnung heute auf dem Kiez keine große Aufstiegssause stattfindet, stehen in der nächsten Woche die Relegationsspiele gegen den 16. der Bundesliga an. Hier hieße es dann nochmal, sämtliche Kräfte zu bündeln und alles für den Weg in die Beletage zu geben. Bereits am vorletzten Spieltag macht die Mannschaft den fünften Aufstieg in die Bundesliga klar. In Fürth, auf St. Pauli und sonstwo auf diesem Planeten brechen alle Dämme. Überall kommt es zu spontanen Freudenpartys. Im Spiel gegen den SC Paderborn setzt der FC St. Pauli dann noch einen drauf. Der Klub heimst den ersten offiziellen Titel der Vereinsgeschichte ein und darf sich von nun an „Meister der 2. Bundesliga“ nennen. Der Kiez erlebt die größte Fete seit Menschengedenken.

Zum 100-jährigen Vereinsjubiläum kommt es zu einer Vielzahl von kleinen und großen Festivitäten. Als herausragende Events seien hier die beiden Freundschaftsspiele gegen den FC United of Manchester und den Celtic FC aus Glasgow, sowie das Geburtstagskonzert mit Gästen wie Bela B, Fettes Brot, Slime, Kettcar, Talco und vielen anderen genannt.

Ich freue mich auf einen versöhnlichen und entspannten Ausklang einer aufregenden Saison.
Fotos: Stefan Groenveld
Vielen Dank!


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Nordkorea


Deutet das Omen


WM-SPECIAL im ÜBERSTEIGER #99


Denkt man zurück an die Weltmeisterschaft ’66 in England, dann fällt einem unweigerlich die leidige Diskussion um das sogenannte „Wembley-Tor“ ein. Fast in Vergessenheit geraten ist dagegen die nicht minder spektakuläre Tatsache, dass mit der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie Nordkorea sich ironischerweise offiziell nennt, dem wohl restriktivsten totalitären Staat der Gegenwart, bei seiner ersten und bisher einzigen Endrundenteilnahme sensationell der Einzug ins Viertelfinale gelang.
Außergewöhnlich, wenn nicht gar skurril, mutete anno 1966 aber bereits die Qualifikation der Nordkoreaner zur Endrunde an. Ursprünglich sollte Nordkorea mit Australien, Südkorea und Südafrika einen Gruppensieger ausspielen. Dieser wäre dann in einem Halbfinale mit drei weiteren afrikanischen Mannschaften gelandet. Weil der schwarze Kontinent seinerzeit aber mindestens einen festen Startplatz für die WM forderte und deshalb diesen Modus boykottierte, wurde die Regelung hinfällig. Da sich Süd- und Nordkorea nicht auf einen gemeinsamen, neutralen Spielort einigen konnten, zogen die Südkoreaner ihre Anmeldung zurück, während Südafrika wegen der Apartheidpolitik suspendiert wurde. Somit stand die nordkoreanische Elf plötzlich in zwei Endspielen gegen Australien. Beide Spiele fanden aufgrund politischer Schwierigkeiten auf neutralem Boden in Kambodscha statt. Die nordkoreanische Equipe überrollte den Ozeanienmeister mit 9:2 Toren in der Addition und stand damit im Turnier der besten 16 Mannschaften.
Der wohl bis dato größte Außenseiter in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft verlor sein Auftaktspiel gegen die UdSSR standesgemäß mit 0:3. Nach einem überaschenden 1:1 gegen Chile mussten die Nordkoreaner Italien schlagen, was durch einen sensationellen 1:0 Erfolg auch tatsächlich gelang.
Im Viertelfinale wartete Portugal. Auf portugiesischer Seite musste kein geringerer, als der legendäre Eusébio sein ganzes Können in die Waagschale werfen, um mit vier Treffern die frühzeitige koreanische 3:0 Führung in ein 5:3 zu verwandeln.
Bis zum vierten Platz Südkoreas bei der WM 2002 war dies die beste Platzierung einer asiatischen Nation bei einer WM-Endrunde.
Um sich für das diesjährige Turnier in Südafrika zu qualifizieren, durchlief die Nationalmannschaft des wohl unfreiesten Landes der Welt einen komplizierten Modus über vier Runden. Dazu nur soviel: In der ersten Runde wurde die Mongolei mit einem Ergebnis von 9:2 aus Hin- und Rückspiel nach Hause geschickt. 9:2, war da nicht was?
Und während Nordkorea 1966 in der Vorrunde den heutigen Weltmeister eliminierte, wartet heuer mit Brasilien der Titelträger von damals. Ein Omen etwa, das auf eine neuerliche Sensation hindeutet?




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Mittwoch, 24. Februar 2010

Hundert Tage tot

Wie sich am 10. November 2009
die Welt veränderte

Diesmal mit Mathes im ÜBERSTEIGER #98

Wer erinnert sich nicht noch an die bewegenden Bilder, als sich Mitte November letzten Jahres vor 35.000 trauernden Menschen im Niedersachsen-Stadion das „Who is Who“ der Fußball-Society in tiefer Bestürzung übte? Nur fünf Tage zuvor, am 10. November, hatte der Keeper der deutschen Nationalmannschaft, Robert Enke, an einem unbeschrankten Bahnübergang seinem Leben ein jähes Ende gesetzt.

Schließlich gab es seit dem Tod des Führers kein solches Brimborium um den Suizid eines psychisch kranken Menschen. Mit überschwänglichem Pathos wurde von allen Seiten für ein menschlicheres Miteinander, mehr Rücksicht und Verständnis für die Schwachen der Gesellschaft geworben.

Am 19. Februar waren es exakt hundert Tage, die seit dem Drama vergangen sind. Zeit also, für eine Nachbetrachtung, ob von den Gelöbnissen jener Tage mehr als bloße Lippenbekenntnisse geblieben sind.

Als stetes Mahnmal wehte fortan ein überdimensionales Robert-Enke-Trikot im Hannoveraner Stadion. Da Fußballer aber gemeinhin zum Aberglauben neigen und die Mannschaft in den darauffolgenden sechs Partien nur ein mageres Pünktchen eroberte, musste das Symbol wieder weichen. Wie unbarmherzig das Schicksal zuschlagen kann, zeigte der Umstand, dass das anschließende Trauerspiel gegen die bis dato notorisch erfolglose Hertha trotz dieser drastischen Maßnahme mit 0-3 verloren ging. Was blieb den bemitleidenswerten Verantwortlichen um Hörgerätehersteller Martin Kind und Sportdirektor Jörg Schmadtke da noch anderes übrig, als mit dem als zu weich geltenden Andreas Bergmann den achten Trainer in zehn Jahren zu feuern? In solch stürmischen Zeiten braucht man halt einen Mann, der genau weiß, was zu tun ist. So verkündete der neue Übungsleiter Mirko Slomka* forsch: „Ich kann nicht Trainer und Psychologe sein. (…) Ich bin menschlich und erreichbar, aber es ist dennoch notwendig, eiskalt zu sein.“

Nebenbei bewiesen Hannovers Fans mit dem deutlichen Appell, in Zukunft einen respektvolleren Umgang mit dem niedersächsischen Rivalen Eintracht Braunschweig zu pflegen, ebenfalls außerordentliches Feingefühl. Beim Spiel gegen Berlin prangte an selber Stelle, die eben noch Enkes Trikot zierte, ein Banner mit der Aufschrift "Tod und Hass dem BTSV“.

Auch die Presse, allen voran „Bild“, gelobte die Benotung von Spielern doch zu überdenken. Bei extremen Noten werde das Blatt zukünftig vorsichtiger sein, versprach der stellvertretende Chef Walter Straten. Dass solche Aussagen bei der „Bild“ eine geringere Halbwertzeit haben als ein Vollbier auf einer Auswärtsfahrt, bewies man dann gleich zum Rückrundenstart mit der Benotung des Teams von Hannover 96: Fromlowitz 6, Cherundulo 6, Eggiman 6, usw. Die ganze Mannschaft bekam mal gleich die „6“ verpasst. Soviel zur angekündigten Umsicht. Nebenbei schrieb „Bild“ auch nur noch von den "Roten Vollversagern" und setzte das Wort "Mannschaft" konsequent in Anführungszeichen.

Nach Enkes Tod und der fast schon peinlichen Glorifizierung durch die Medien herrschte allerorten kollektive Ergriffenheit und man war sich einig, dass Leistung nicht alles sein könne und dass das Menschliche wieder in den Vordergrund rücken müsse.

Nun werden die Schwarzmaler unter euch Lesern vermutlich entgegenhalten, es sei von vornherein klar gewesen, dass diese Betroffenheit nur von kurzer Dauer sein konnte. Zu schnelllebig sei unsere Zeit, in zu kurzen Intervallen brächen die Katastrophenmeldungen über uns herein, als das allein der Tod eines läppischen Fußballstars das System in Wanken brächte.

Demzufolge ist hundert Tage nach der Tragödie also wieder alles beim Alten und der Fall Enke birgt keinerlei Nachhaltigkeit? Nun, ganz so ist es dann doch nicht. Immerhin die Depressiven selbst zeigen seither mehr Mut und Entschlossenheit denn je. So hat sich laut Statistik der Deutschen Bahn die Anzahl der Freitodsuchenden auf den Gleisen verdreifacht. Diese beachtliche Zahl ließe sich mit Sicherheit optimieren, lieferte Deutschlands größte Boulevard-Zeitung als besonderen Service für die bekanntermaßen lethargischen Patienten gleich die Zugfahrpläne neben der Benotung mit.


Hannover till I die!

Darüber würde sich wahrscheinlich auch ein findiges Bestattungsinstitut im Hamburger Stadtteil Ottensen freuen, das sich ad hoc auf die neue Marktsituation eingestellt hat. Das Unternehmen bietet schicke Urnen, sowohl für den mutlosen Profi, als auch für den resignierten Amateur an.


*Slomka stellte den Rekord für den schlechtesten Trainerstart aller Zeiten durch die sechste Niederlage in Folge ein. Noch teilt er sich diese ’Ehre’ mit fünf anderen Trainern. Verlieren die ‚96er‘ auch im Breisgau, hätte Slomka einen Weg in die Geschichtsbücher gefunden, auf den er vermutlich wird verzichten können.

Olli & Mathes




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DVD

Eisern vereint

Die Stadionbauer von der Alten Försterei

ÜBERSTEIGER #98

Als sich an einem Wintertag im Dezember des Jahres 2006 der allseits beliebte Präsident des FC St. Pauli medienwirksam auf einen Bagger schwang, um symbolisch den Abriss der alten Südtribüne des Millerntor-Stadions zu inszenieren, wurde ihm von vielen Seiten Übereifer vorgeworfen. Schließlich fehlten zu diesem Zeitpunkt noch diverse wichtige Unterlagen zur endgültigen Erlangung der Baugenehmigung. So zog es sich dann noch satte vier Monate hin, bis endlich konstruktiv gearbeitet werden konnte und das Littmann-Loch nach und nach der wachsenden neuen Tribüne wich.

Was beim FC St. Pauli wegen gefühlter Konzeptlosigkeit zu fassungslosem Kopfschütteln allerorten führte, war beim 1. FC Union, dem Berliner Traditionsverein aus dem Stadtteil Köpenick brutale Randbedingung.

Binnen eines Jahres musste aufgrund der Baufälligkeit der Alten Försterei ein generalüberholtes Stadion erschaffen werden, andernfalls hätte der dauerhafte Umzug in den verhassten Jahn-Sportpark gedroht. Mit wenig Geld, (der Bezirk gewährte einen Kleinstzuschuss über lächerliche 600.000 Euro), aber umso mehr Mut, wurde das Projekt in Angriff genommen. Von Beginn an war klar, dass der Erfolg nur unter Mithilfe der Fans zu realisieren war. Nahezu ohne planerische Vorlaufzeit starteten die Arbeiten. Planer Dirk Thieme beschreibt die damalige Situation folgendermaßen: „Wir fangen jetzt erstmal an, und gucken dann, wie.“ Bei jeder zu findenden Lösung hieß es zuallererst: „Was kostet sie? - Und davon möglichst wenig! Dann ging es darum, wer die Lösung realisiert und auch das durfte nichts kosten.“

Der Berliner Filmemacher Andreas Gräfenstein und der Hamburger Kameramann Fabian Daub begleiteten den Umbau. Von der Grundsteinlegung bis zur feierlichen Einweihung am 8. Juli 2009 gegen den großen Nachbarn aus dem Westen, Hertha BSC, war das Team stets ganz dicht dabei. Herausgekommen ist eine beeindruckende Dokumentation über eine unkonventionelle Stadionrekonstruktion, die sich wohltuend von den austauschbaren Arenen abhebt, die heute wie Pilze auf den Feldern und Wiesen der Nation aus dem Boden ploppen. Dabei ist der Film vollgestopft mit bewegenden Liebesbekenntnissen an einen Fußballverein, der in beiden Systemen stets hart um seine Existenz kämpfen musste.


Die feierliche Eröffnung
Manche der insgesamt 2.500 helfenden Fans verbrachten ihren Jahresurlaub auf der Baustelle und hängten noch zwei Wochen Krankschreibung dran, nur um bei -3°C Bewehrungskörbe zu flechten oder Beton zu verdichten. Andere halfen nur ein oder zwei Tage.


Ein arbeitsloser und alkoholkranker Maler sah den Stadionausbau als Chance für den Wiedereinstieg in einen geregelten Alltag. Studenten arbeiteten in ihren Semesterferien am Rüttler statt am Schreibtisch. Familien machten Wochenendausflüge mit Schaufel und Besen. Die 90-Jährige Ingeborg Lahmer backte Kuchen für die Arbeiter und weiß über das alte, ehrwürdige Gebäude, in dem heute die neue Geschäftsstelle residiert, das Folgende zu berichten: „Dort saß früher Karl Marx. Der war nicht verheiratet, dem hat `ne Frau gefehlt. Wenn da mal ein Ball rüber flog, hat der die Bälle nicht zurückgegeben. Der hatte `n Tick! Karl Marx! Keine Ahnung, wo Karl Marx abgeblieben ist…“
Geblieben ist Eisern Union. Und pünktlich mit dem Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga erstrahlt sie im leuchtenden Glanze:

die neue Alte Försterei!


Eisern vereint (2010), Dokumentarfilm von Andreas Gräfenstein, 82 Min. Spielzeit, eisern-union-shop.de, 14,95 €



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Dienstag, 1. Dezember 2009

Rostock? Fand ich gut!


Man hätte sich nicht beschweren können

ÜBERSTEIGER #97

Am Montag, dem 2. November war es mal wieder so weit, Rostock stand auf dem Plan. Da diesmal niemand aus meinem direkten Umfeld die Reise gen Osten antreten wollte, schloss ich mich der “G.A.S.“ an (im Übrigen nach Meinung eines Redaktionskollegen hinter „USP“ und den „Skinheads“ die dritteinflussreichste Fangruppierung des FCs). Gegen 14:30 Uhr trafen wir uns am Altonaer Bahnhof.

Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug
nach Rostock? Ich muss da eben mal hin!
Allerdings fuhr der rote Sonderzug erst mit einer halbstündigen Verspätung ab, und somit hieß es nicht zum letzten Mal am heutigen Tage: Warten! Obwohl es im Zug angeblich für jeden einen Sitzplatz hätte geben sollen, ging ich diesbezüglich erstmal leer aus. Das lag wohl auch daran, dass gefälschte(!) Fahrkarten im Umlauf waren. Wie hohl muss man eigentlich sein, um den Fanladen zu bescheißen?
Trotz Stehplatz gestaltete sich die Zugfahrt außerordentlich kurzweilig, denn meine Reisegruppe war außerordentlich gut aufgelegt und machte ordentlich Ramtamtam. Fand ich gut!
Ab Bad Kleinen dann waren sämtliche Bahnhöfe von der Polizei hermetisch abgesperrt. Trotzdem flogen zwischen dem Rostocker Hauptbahnhof und Parkstraße ein paar Steine gegen unseren Zug und dabei ging dann auch mindestens eine Scheibe zu Bruch.
Am Bahnhof Parkstraße angelangt, war von den Rostockern weit und breit nichts zu sehen. Die Polizeischeinwerfer tauchten den leeren Bahnsteig, mal abgesehen von einigen Bullen im Gleisbett war bei unserer Einfahrt niemand da, in ein gespenstisches Licht. Meine anfängliche Anspannung legte sich rasch, denn es war mal wieder Beine in den Bauch stehen angesagt. Unsere Verspätung in Altona hatte aber die positive Konsequenz, dass wir nicht allzu lange auf den gelben Zug warten mussten.
Wie auch im restlichen Verlauf des Abends ging das Konzept der strikten Fantrennung während des Marsches zum Stadion komplett auf. Obwohl bereits hier das ein oder andere Bengalo brannte und ein paar Knaller explodierten, bewahrte unsere Staatseskorte Ruhe und griff nicht ein. Das habe ich in der Vergangenheit in vergleichbaren Situationen wahrlich schon anders erlebt und man hätte sich über ein rigoroseres Einschreiten nicht beschweren können. So verhinderte die Exekutive eine frühere Eskalation, und das war gut so!

Viel Rauch um Nichts – Der Marsch zum Stadion
Foto: Stefan Groenveld
Am Stadion angekommen hieß es mal wieder, ihr ahnt es bereits, warten. Nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde nahm sich dann endlich ein Ordner meiner an und filzte mich so gründlich, wie es mir zuvor mein Lebtag noch nicht widerfahren ist. Selbst Portemonnaies mussten geöffnet werden und den allseits beliebten „Gegen Rechts“-Aufklebern blieb der Weg ins Innere versagt. Umso verwunderlicher, was es trotzdem alles an Pyrotechnik in den Gästeblock schaffte. Aber dazu später mehr.
Von „Können wir uns mal eure Mütter ausleihen?? Wir wollen zum Fasching als Hurensohn gehen!“ über „Nicht nur der Wind bläst stark, Corny…“ bis hin zu „Wie spielt es sich für linksfaschistoide Hygienemuffel?“ gab es von Rostocker Seite jede Menge Obszönitäten zu bestaunen.
Das Ganze gipfelte in einer an „Geschmacklosigkeit nicht zu toppende Anspielung auf den in Aachen verunglückten St. Pauli-Fan“, wie eine Hamburger Boulevard Zeitung am folgenden Tage zu berichten wusste. Fast richtig, es sei denn, man druckt das Foto des leblosen Opfers auf die Titelseite, um die Auflage zu steigern und die Sensationsgier einiger Perverser zu befriedigen.
Zum sportlichen Teil auf dem Rasen gibt es in der ersten Halbzeit eigentlich nicht viel zu sagen. In einer zerfahrenen Partie, bei der man einen Einwurf in der gegnerischen Hälfte schon als Erfolg werten musste, hatte Hansa mit einem Lattenkracher und zwei knapp am Tor vorbeirauschenden Bällen noch die weitaus besseren Chancen. Auf der anderen Seite vergab Bruns, allein vor Keeper Walke, kläglich. Und so hätte man sich nicht beschweren können, hätte es zur Halbzeit bereits 2-0 für die Gastgeber gestanden.
Im zweiten Spielabschnitt blieb es bis zum Freistoß in der 76. Minute beim gleichen Bild. „Jetzt ein schöner Freistoßtrick und dann wichst Lehmann das Ding rein“, raunte ich meinem Nachbarn noch zu, als die Kugel auch schon im Giebel einschlug.
Jaaaaaa! Jetzt gab’s kein Halten mehr, der Block explodierte, die Luft brannte!
Zugegebenermaßen stehe ich persönlich ja aus atmosphärischen Gründen auf Bengalos und halte das Verletzungsrisiko für vertretbar, solange die Dinger auf dem Boden oder in der Hand bleiben. Aber das ist lediglich meine Meinung. Faktisch sind und bleiben Bengalos verboten und führen in der Regel zur Bestrafung unseres Vereins. Da wird man als fürsprechender Fan auch mit den besten Argumenten immer den Kürzeren ziehen. Überhaupt keine Diskussion darf es indes über das Werfen von Vogelschreckböllern in eine Menschenansammlung geben. Wie das Beispiel der verletzten Ordnerin zeigt, wird es eben nicht zwingend die Richtigen treffen. Dabei ist ein Knalltrauma noch eine der harmloseren Verletzungen, die diese Kleingeister dabei in Kauf nehmen. Normalerweise wäre spätestens dies der Startschuss für das Team Green gewesen, mächtig in Wallung zu geraten und den Block zu entern. Diesmal aber blieben die behelmten Köpfe kühl, und darüber möchte ich mich nicht beschweren.
Wenn man diesem Vorfall dann etwas Positives abgewinnen will, ist es die Erkenntnis, dass im Gegensatz zu den Geschehnissen in Bremen wenigstens der Selbstregulierungsprozess im Block zu funktionieren schien.
Statt mit dumpfer Gewalt hätte man dem Rostocker Pöbel von Anfang an mit einer Tugend begegnen sollen, die ich in den letzten Jahren immer häufiger zu vermissen beginne: Selbstironie! Als der Suptras-Block den alten Bahnhofsmission-Klassiker intonierte, stimmte unser gesamter Anhang ein: „Wir sind Zecken, asoziale Zecken…“. Fand ich gut!
Wahrscheinlich hätten sich die Gemüter im Stadion einigermaßen beruhigt, hätte anschließend nicht Deniz Naki zu seiner großen Performance angesetzt. Nachdem er die Kogge durch seinen Treffer zum 2-0 endgültig versenkt hatte, ließ er sich zu der viel diskutierten Halsabschneider-Geste hinreißen. Aber mein Gott, der Junge ist gerade mal 20 und sah sich fortwährender, rassistischer Beschimpfungen ausgesetzt. Dabei ist er nun mal sehr heißblütig. Sicher ist das Ganze grenzwertig. Auf der anderen Seite lechzt die Öffentlichkeit permanent nach Emotionen in der glattgebügelten Fußballwelt. Ständig wird die gute, alte Zeit zitiert, in der ein Matthäus, Effenberg oder Basler quasi wöchentlich den Gesprächsstoff für die Stammtische der Republik lieferten. Insofern empfinde ich drei Spiele Sperre für ein Vergehen, für das Gerald Asamoah vor zwei Jahren noch leer ausging, doch ein wenig zu hart.

Geradezu lächerlich mutet es an, die Vorkommnisse als eine der schlimmsten Entgleisungen in der Geschichte des deutschen Fußballs zu bezeichnen und eine drakonische Bestrafung für Naki zu fordern, wie es ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei tat. Damit machte er Deniz indirekt für die anschließende Randale des Rostocker Pöbels verantwortlich. Seit wann liegt es überhaupt im Aufgabenfeld der GdP als Chefankläger für Sportvergehen aufzutreten? Kümmert euch gefälligst um eure eigene Scheiße! Sorry, das musste mal raus.
Man mag mir Pietätlosigkeit vorwerfen, aber nach dem Abpfiff die Flagge in das eroberte Territorium zu rammen, verdient nur ein Prädikat: Weltklasse!

Hier regiert nur einer – Sankt Pauli und sonst keiner
Foto: magischerfc.de
Die enormen Solidaritätsbekundungen beim anschließenden Heimspiel gegen Düsseldorf waren dann auch schlichtweg überwältigend. Und so hat vielleicht selbst das überzogene Strafmaß etwas Gutes. Naki wird aus der Halsabschneider-Geschichte von Rostock nicht nur lernen und daran wachsen, nein, etwas viel Wertvolleres kann daraus resultieren. Seine riesige Identifikation mit dem FC St. Pauli und der bedingungslose Rückhalt der Fans - von offizieller Vereinsseite hätte ich mir schon etwas mehr Rückendeckung gewünscht - könnten eventuell mal zu einem entscheidenden Faustpfand werden, wenn es eines Tages um eine vorzeitige Verlängerung seines bis 2012 datierten Kontrakts geht und ein finanzkräftigerer Verein im Hintergrund lauert.

Einer für alle, alle für einen
Foto: magischerfc.de
Zurück nach Rostock. Als wir das Stadion verließen, unkte noch jemand, dass es jetzt wohl deutlich schneller ginge als beim Einlass. Pustekuchen! Am ersten Zaun war Schluss. Es hieß mal wieder…

…Warten!

Beim Abpfiff drohten die Rostocker uns noch: „Nur nach Hause kommt ihr nicht!“. Naja, zumindest eine gehörige Verspätung hat uns ihr Auftritt nach Spielende eingebrockt. Diesmal dauerte es über ein Stunde, bis die Staatsmacht den Weg zum Bahnhof vom Rostocker Abschaum, der sich nach der sportlichen Demütigung erst einmal austoben musste, gesäubert hatte und wir uns endlich auf den Heimweg machen konnten. Bei Regen und mit einer Niederlage im Gepäck wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes angepisst gewesen. So aber will ich mich mal nicht beschweren.

Rostock? Fand ich gut!



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Mittwoch, 21. Oktober 2009

Schanzenfest Reloaded


Warum man beim Eisessen nicht
in ein Wespennest stechen sollte

ÜBERSTEIGER #96

Eigentlich war ich nach der zweiten Auflage des Schanzenfestes 2009 aufgrund des friedlichen Verlaufes total happy.

Zum einen, weil die Staatsmacht diesmal, auch wenn Käpt‘n Ahlhab Gegenteiliges behauptet, eine komplett andere Taktik fuhr und somit bis in die späten Abendstunden weit und breit kein Bulle in angsteinflößender Kampfmontur zu sehen war. Zum anderen freute mich das besonnene und deeskalierende Verhalten der Anwohner, die Feuer löschten oder ein paar über die Stränge schlagende Besucher zur Räson riefen.

So holte sich beispielsweise eine kleine Gruppe Halbwüchsiger, die es als eine Art Mutprobe verstand, fremden Frauen an den Arsch zu greifen, einen gehörigen verbalen Einlauf ab.

Infolgedessen gab es, abgesehen von ein paar alkoholbedingten Ausfällen, eigentlich auch nichts zu beklagen. Ein deutlicheres Symbol, als die fröhliche Kissenschlacht vor der Flora, kann es für die Friedfertigkeit an diesem Tage gar nicht geben.

Die Kissenschlacht – Leider nicht das letzte Gefecht des Abends
Foto: Tina Fritsche
Im Verlaufe des Abends genoss ich dann mit einigen Freunden die Party im Flora-Park und später noch in der Rosenhofstraße.

Dabei war auch Moische, einer meiner besten Kumpel, der sich unvermittelt einer plumpen Laberattacke erwehren musste, weil er seinen leeren Pappbecher (!) auf die Straße geworfen hatte.

Da habe ich mich schon gefragt, wie man auf der einen Seite mehr rechtsfreie Räume einfordern kann, um sich aber im selben Atemzug über eine lächerliche Ordnungswidrigkeit aufzuregen. Wohlgemerkt spreche ich hier von einem weggeworfenen Pappbecher auf einem Straßenfest, an dem sich mehrere tausend Leute beteiligten!

Nun, mein lieber Freund Moische hat einen klitzekleinen Fehler, den ich euch bisher verschwiegen habe. Unglücklicherweise unterstützt er den Verein aus der Vorstadt. Und da die St. Ellinger an diesem Abend gegen den VfB Stuttgart spielten, trug Moische noch sein Rauten-Jersey. Da behaupte ich jetzt mal kackfrech, dass dies der eigentliche Grund war, ihn wegen des Bechers anzumachen.

Soviel nur zum Thema „Eine Stadt für Alle“.

Sofern ihr schon mal die eine oder andere meiner Blog-Kolumnen gelesen habt, werdet ihr wissen, dass ich der Letzte bin, der sich ziert, die Rothosen zu provozieren oder sie beim geringsten Anlass mit Hohn und Spott zu überschütten. Daraus aber ein Politikum zu machen ist einfach nur arm!

Spätestens die Demo gegen Polizeigewalt nach dem Überfall auf das „Jolly Roger“ beim letzten Schanzenfest, an der sich auch mehr als 50 Leute aus der Supporters-Szene beteiligten, hat gezeigt, dass es bei den Rautenträgern eben nicht nur Idioten gibt. Zugegebenermaßen weiß ich nicht, ob ich mich umgekehrt an einem HSV-Protestmarsch beteiligt hätte.

Auch wenn es ein wenig abgedroschen klingt, aber es kann nun mal nicht jeder St. Pauli-Fan sein, und wer frei von Fehlern ist, der werfe den ersten Stein.

Aber auch von dieser Sorte scheint es ja ein paar Leute Kiddies zu geben. Anders jedenfalls kann ich mir nicht erklären, wie man im Verlaufe eines absolut friedlichen Straßenfestes, das wahrlich zu einem großen politischen Erfolg hätte werden können, auf die abstruse Idee kommt, eine Bullenwache anzugreifen. Damit zwang man die Staatsmacht förmlich, aktiv zu werden. Oder ist tatsächlich jemand ernsthaft der Meinung, dass die Polizei diese Provokation hätte ignorieren können?
Ob die Attacke gegen das PK16 die Bullen nun dazu berechtigt, kategorisch das ganze Viertel zu räumen, weil die Angreifer angeblich in der Menge untergetaucht oder, wie andere Quellen behaupten, ins Karo-Viertel geflüchtet seien, ist eine völlig andere Frage.

Mir ist die Intention der Provokateure bis dato jedenfalls absolut schleierhaft. Es ist, als würde man im Sommer beim Eisessen über die vielen Wespen klagen und wenn auf einmal keine da sind, dann sticht man halt ins Wespennest. Alles nur, um seine Klischees bewahrheitet zu sehen ein bisschen Action zu haben.

Was einige Anwohner von dieser Aktion hielten, soll das folgende Statement zweier Augenzeugen unmittelbar nach dem Angriff verdeutlichen:

„Das ist so scheiße, das war so schön bis gerade! Wir freuen uns die ganze Zeit, es war echt schön, und diesmal hält schwarz-rot drauf, und das tut weh! Die Bullen sind diesmal nur zur Verteidigung da. (…) Diesmal haben die Bullen nichts gemacht, es war das erstemal, wo das Schanzenfest friedlich hätte sein können. Wir haben uns gefreut. Aber das, finden wir, ist eine Scheiß-Anarcho-Aktion. Das bringt Tränen. Wir stehen hier zusammen und freuen uns. Wir wollen einfach alle zusammen tanzen, alle Nationalitäten, alle sind zusammen. Und dann gibt es ‘n paar Shorties, die wollen zeigen, dass sie einen dicken Schwanz haben. Das macht echt keinen Sinn. Das sind nicht wir, das ist nicht St. Pauli und das ist auch nicht die Schanze (…) Da stehen wir nicht hinter. Und jeder, der hier schwarz ist, der kann gerne auf’s Maul bekommen, denn das wurde unnötig provoziert. (…) Das ist nicht fair für die Leute, die sich hier heute den Arsch aufgerissen haben. (…) Wir wollten zusammen feiern und hatten unseren Spaß. Jetzt wollen irgendwelche Kiddies zeigen, dass sie Kraft haben. Aber nicht heute Abend man, heute hättet ihr hinter der Sache stehen können.“

Nur noch Kopfschütteln rief bei mir dann die Meldung hervor, dass später in der Nacht irgendwelche Vollpfosten noch den Container des „Jesus Centers“ im Flora-Park aufbrachen und das dort für die Kinder des Viertels gelagerte Spielzeug zum Barrikadenbau missbrauchten und es anschließend anzündeten.

Da muss man kein gläubiger Atheist sein, um sowas scheiße zu finden!

So, jetzt kratzt gefälligst euer Taschengeld zusammen, damit ihr wenigstens diesen materiellen Schaden ersetzen könnt!


Dieser Beitrag erschien bereits am 17/09/09 in leicht veränderterer Form in der Rubrik „Politix“. HIER ist auch das vollständige Anwohner-Interview als YouTube-Film zu sehen.



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